• Hanna

Israel - Shabbat Shalom, Shkedi!

Aktualisiert: Jan 14

Wer oder was ist Shkedi? Und was war nochmal Shabbat? Diese Fragen und andere beantworte ich im folgenden Beitrag. Es geht auch darum, wie ein traditionelles Shabbat-Dinner abläuft und welche Bedeutung es in Israel hat.

In Shkedi's Camplodge in Neot HaKikar

Das Tote Meer ist schuld. Schuld daran, dass wir Shkedi kennenlernten und Schuld daran, dass wir erfuhren, was Shabbat eigentlich bedeutet. Weil wir einmal im Leben im Toten Meer baden wollen, sind wir hier: In seinem extrem salzhaltigen Wasser zu schweben ist eine besondere Erfahrung, für die es sich lohnt, einen weiten Weg auf sich zu nehmen.


Nach diesem Erlebnis sind wir hungrig, suchen - am Ende mehr verzweifelt als geduldig - nach einem Restaurant in Ein Bokek, das nicht nach Massenabfertigung aussieht - vergeblich. Nach einem Falaffel, der so wenig gut schmeckt wie er aussieht, verlassen wir diesen Ort fluchtartig. Es ist nicht schön hier und es gibt hier nichts außer Hotels, Restaurants und Souvenirläden direkt an den Ufern des Toten Meeres. Gut, dass unsere Unterkunft wenigstens ein paar Kilometer jenseits des Südrandes des Toten Meeres liegt.


Nach den Hochhaussiedlungen, die wir hinter uns lassen, erwarten wir trotzdem nicht viel... Auf halber Strecke im Auto fällt es uns ein: Heute beginnt der Shabbat und wir haben nicht daran gedacht, uns mit Lebensmitteln zu versorgen! Die Rede ist vom siebten Tag der Woche, der allerdings bereits am Freitagabend beginnt und erst bei Sonnenuntergang am Samstag endet. Es ist der Ruhetag der Juden, wie der christliche Sonntag, nur dass hier nicht nur Supermärkte, sondern auch Restaurants geschlossen sind. An diesem Tag ist es streng gläubigen Juden verboten zu arbeiten, was zur Folge hat, dass sogar der Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel größtenteils eingestellt wird. Ein kurzer Anruf in der Unterkunft klärt: Wir brauchen nichts mehr einzukaufen, wir sind heute abend eingeladen!


Unsere Unterkunft liegt in Neot HaKikar, einem winzigen Dorf mitten in der Wüste, direkt an der Grenze zu Jordanien. Wir befinden uns hier übrigens im Norden der Arava-Senke, die Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs ist, wo die kleinere Arabische und die riesige Afrikanische Platte auseinanderdriften.


Die Zufahrtsstraße ist, wie in so vielen kleinen Dörfern in Israel, durch ein dickes Eingangstor gesichert. Wenn es geschlossen ist, muss man sich telefonisch in der Unterkunft melden, damit es ferngesteuert geöffnet werden kann. Auf den letzten Metern verfahren wir uns zwischen riesigen Gewächshäusern und Palmplantagen. Erst später erfahren wir, dass dieses Dorf ein Moshav ist: Eine genossenschaftliche Siedlung mit landwirtschaftlichem Charakter, in der es aber neben dem Kollektivbesitz auch Privatbesitz gibt. Dies ist ein Unterschied zu den in Israel typischen Kibbutzim, die in ihrer ursprünglichen Form keinen Privatbesitz zuließen. Erst in den letzten Jahrhunderten ist es zu einer Annäherung beider Gemeinschaftsformen in dieser Hinsicht gekommen.


Als wir endlich auf den Parkplatz der Unterkunft fahren, begrüßen uns ein klappriger Bastzaun und die raue Stimme von Tom Waits. Schon jetzt ahnen wir: Das hier wird anders als die hässlichen touristischen Orte, die wir hinter uns gelassen haben. Und tatsächlich, die Unterkunft ist toll! Es gibt hier keine Hochhäuser, nur eine kleine Ansammlung von Bungalows auf sandigem Boden. Wir atmen erleichert auf. Alles hier steht in starkem Kontrast zu der auf Massenabfertigung ausgerichteten Infrastruktur direkt am Toten Meer. Hier gibt es Ruhe, hier gibt es Entspannung, hier gibt es gute Musik.


Der Gastgeber begrüßt uns mit einem herzlichen Lächeln. My name is Shkedi, sagt er. Seine langen Locken tanzen lustig um sein kaputtes Auge, das aussieht, als wäre es aus Glas. Er habe viel Zeit in Backpackerhostels in Thailand verbracht, erzählt er uns. Das sieht man: Es gibt hier große Kissen, auf denen man entspannen kann, Hängematten, eine Gemeinschaftsküche. Verstreut in der gesamten Unterkunft stehen Skulpturen, Teile von alten Autos und andere Kunstobjekte.




Es weht ein anderer Wind hier. Es ist ein langsamer, entspannter, der die Hängematten im leisen Rhythmus der Musik schaukelt, die aus der Rezeption herüberschallt. Ich liege in meiner Hängematte und muss daran denken, dass Shkedi anders ist als viele der Israelis, die wir bisher auf der Reise kennengelernt haben. Er ist anders als unsere streng gläubige Gastgeberin in der Wüste, die fremden Männern nicht die Hand schüttelt, um sie nicht zu berühren, und er ist anders als die manchmal schroff wirkenden Menschen in Tel Aviv, die erst auf den zweiten Blick ihre Herzlichkeit offenbaren.



Shkedi jedenfalls hat uns eingeladen, an diesem Abend mit ihm zu essen. Ohne zu wissen, was uns erwartet, warten wir geduldig. Gegen acht Uhr abends treffen die ersten Gäste ein: Es sind Familienangehörige, Bekannte, Freunde aus dem Dorf. Jeder von ihnen trägt Teller, Schüsseln oder Platten, die nach und nach das Buffet vervollständigen, das neben einer langen Tafel steht, die behelfsmäßig aus Plastikstühlen und -tischen in der Mitte des Camps aufgebaut steht.


Langsam dämmert uns, dass wir Zeuge eines besonderen Rituals werden, des traditionellen Shabbat-Dinners. Die meisten Juden pflegen die Tradition dieses Dinners jeden Freitag - Gäste werden als wichtiger Bestandteil betrachtet. Kommt, setzt euch, sagt Shkedi, und zeigt mit einladender Geste auf die Runde von Plastikstühlen. Es sei ganz egal, wo wir uns hinsetzen, sagt er, und so sitzen wir auf einmal mitten unter Israelis. Dass wir nicht gläubig sind, ist hier in diesem Moment offensichtlich ganz egal - man hat uns nicht gefragt: Seid ihr Juden, Christen, Moslems, Buddhisten oder Hinduisten, oder woran glaubt ihr? In diesem Moment sind wir einfach nur willkommen.

Für ein traditionelles Shabbat-Dinner gibt es eine strenge Abfolge von Ritualen: Mindestens 18 Minuten vor Sonnenuntergang zünden die Frauen des gastgebenden Haushaltes die Kerzen auf dem Tisch an und sprechen ein Gebet. Dann folgt der Kiddush, ein Segen, der über einem Glas Wein oder Traubensaft gesprochen wird, von dem danach jeder einen Schluck trinkt. Selbst für das darauf folgende Waschen der Hände ist festgelegt, welche Hand zuerst und wie genau mit Wasser benetzt wird. Nach einem weiteren Gebet mit noch nassen Händen werden zwei Leibe des traditionellen Brotes, Challah, aufgedeckt. Nach dem nächsten Gebet wird das Challah in Stücke geteilt, von denen jeder eines bekommt.


Shkedi, der Gastgeber des Abends, nimmt das ganze Ritual wohl ein wenig lockerer: Seine Kippah schmeißt er vom Kopf, sobald er ein schnelles Gebet über Wein und Brot gesprochen hat. Gemeinsam wird ein Lied gesungen: Shalom alechem malache ha-sharet malache Elyon, mi-melech malache ha-melachim ha-qadosh Baruch Hu...Wir verstehen kein Wort, aber dass alle gemeinsam singen, ist etwas Besonderes. Shalom alechem bedeutet übrigens "Friede sei mit euch" - ein Wunsch, der in einem Land, das direkt an das Bürgerkriegsland Syrien grenzt, in dem die meisten Häuser einen Luftschutzbunker haben, und in dem es Apps gibt, die vor Raketenbeschuss warnen, plötzlich eine ganz ernsthafte Bedeutung bekommt. Beim Essen wird ausgelassen geredet und viel gegessen - es ist lecker, das Essen, und gar nicht mal so anders als das Essen, das wir kennen: Es gibt Ofenkartoffeln, gegrillten Fisch, Gemüseaufläufe, und und und...


Am Ende des Abends sind unsere leeren Mägen gefüllt und unsere Herzen weit geöffnet: Durch eine einfache Einladung zum Essen hat Shkedi es geschafft, Menschen zueinander zu bringen, die Lücke zwischen uns und den Israelis zu schließen, die wir bisher kennengelernt hatten. Er hat der Frage, wer diese Israelis eigentlich sind, ein Ausrufezeichen gegeben: Sie sind einfach nicht über einen Kamm zu scheren! Mal tragen sie Schläfenlocken und Perücken, mal Haute Couture, manche von ihnen würden nie nach Deutschland reisen und andere möchten, im Gegenteil, immer wieder dorthin reisen. Manche von ihnen sind so fanatisch wie unsere Gastgeberin in der Wüste, die mit uns nur über Religion spricht. In unserer Erinnerung aber sind sie vor allem so weltoffen und herzlich wie Shkedi und seine Freunde, die dem Ausruf Shabbat Shalom eine wichtige Bedeutung gegeben haben. Danke, Shkedi!


Lies auch meine Geheimtipps für Tel Aviv, was wir beim Baden im Toten Meer erlebten und finde heraus, was Banksy mit Israel zu tun hat!

Hier findest du mehr Informationen zum Shabbat-Dinner. Diesen beiden Artikeln habe ich meine Informationen dazu entnommen.

  • https://www.chabad.org/library/article_cdo/aid/2995074/jewish/What-to-Expect-at-a-Shabbat-Dinner.htm

  • http://www.jewfaq.org/prayer/shabbat.htm

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