• Hanna

    Vietnam - 4 Tage auf dem Ha Giang Loop

    Aktualisiert: Jan 14

    Vietnam ist so vielfältig, dass es schwer fällt, etwas besonders Typisches zu beschreiben. Ihr könnt hier schöne Strände, wunderschöne Karstlandschaften und interessante Städte entdecken. Ganz im Norden, fast an der Grenze zu China, liegt Ha Giang. Hierhin pilgern Reisende aus vielen Nationen, um 3-5 Tage lang den sogenannten Ha Giang Loop mit dem Motorrad oder Roller zu befahren. In diesem Artikel verrate ich euch, wie es ist, diese Gegend individuell - auf dem Motorrad - zu bereisen und welche Stopps entlang der Route sich besonders lohnen. Weiter unten findet ihr praktische Informationen, z.B. zu Anreise und Übernachtung und eine erste Antwort auf die Frage: Ist der Ha Giang Loop gefährlich?

    Wo auch immer ich in Vietnam auf andere Backpacker treffe, höre ich eines: Mach den Ha Giang Loop, das ist toll! Der Ha Giang Loop?? Ich habe noch nie davon gehört, finde aber heraus, dass es eine Motorradstrecke im äußersten Norden Vietnams ist, die in 3 bis 5 Tagen befahren werden kann. Was die anderen Backpacker auch sagen, ist: Fahr einfach hin und organisiere alles vor Ort!


    Gehört, gesagt, getan. Gemeinsam mit meiner Schwester fahre ich also hin, komme nach 6 Stunden ruckeliger Fahrt über Landstraßen, nach unendlich vielen riskanten Überholmanövern und mit leicht flauem Magen endlich in Ha Giang, Vietnams nördlichster Stadt an (gesprochen wird es übrigens Ha Sang). Die Stadt selbst ist nicht wirklich schön, aber wir sind sowieso am Nachmittag mit der Planung der nächsten Tage beschäftigt.


    Es ist - wie immer in Vietnam - ganz einfach: Die Besitzerin unseres Hostels kann uns ein Moped vermieten, hat eine Landkarte und wertvolle Tipps für uns. Straßen, die wir auf keinen Fall befahren sollen, markieren wir mit einem Kreuz, Orte, an denen wir übernachten können, mit einem Punkt. Zwei gerade vom Loop zurückkehrende Französinnen schwärmen: "This was the best trip we've done in Asia!"


    Die beiden Frauen und die Besitzerin des Hotels räumen letzte Zweifel darüber aus, ob wir die Runde schaffen können, weil keine von uns bisher Motorrad oder Moped gefahren ist: "You can practice now, just go slow!" Also geht es los, erst eine kleine Runde in der Straße, dann eine größere in der Stadt, dann eine Runde zu zweit, natürlich mit obligatorischem Hupen an jeder Straßenkreuzung - genau, wie es die Einheimischen hier machen, um sich anzukündigen. Ha Giang Loop, wir kommen!


    Tag 1/4: Ha Giang - Yen Minh

    Am nächsten Morgen geht es früh los. Wir sind aufgeregt und euphorisch, können es kaum glauben, dass wir jetzt die nächsten vier Tage auf diesem Moped durch die Berglandschaften brausen werden, dabei anhalten können, wo wir wollen, Abzweigungen nehmen können, die uns interessant erscheinen. Wir lassen es langsam angehen, werden nach einigen Kilometern aber bereits sicherer. Die Straßen sind breit und in sehr gutem Zustand. Bis jetzt!


    Den Fahrtwind im Gesicht zu spüren, während die saftig grünen Felder und kleine Siedlungen an uns vorbeiziehen, ist toll und eine ganz neue Erfahrung. Auf dem Moped sind wir so viel näher dran als sonst, wenn uns die Scheibe eines Autos oder Busses von Menschen, Tieren, Häusern und Natur trennt. Es geht durch sanft gewellte Hügellandschaften und dann auf Serpentinenstraßen hinauf in die ersten Berge. Wir machen unendlich viele Fotos, ohne zu ahnen, dass dies nur der Anfang ist, dass sich die Berge und Täler hier in den nächsten Tagen in noch steilere Spitzen und noch tiefere Senken verwandeln werden.




    Wir machen unterwegs einen Abstecher in eine Textilfabrik, wo wir Frauen dabei zuschauen können, wie sie Fäden spinnen und daraus Stoffe weben, färben und nähen.




    Auf dem Weg zurück zur Hauptstraße erleben wir zum ersten Mal ein besonders schlechtes Stück Straße, denn es gibt hier tiefe Schlaglöcher, matschig-rutschige Abschnitte und jede Menge spitzer Steine - das einzige wirklich schwierige Stück, wie wir später feststellen werden.

    Nachmittags kommt endlich die Sonne raus, der Fahrtwind wird wieder ein wenig wärmer. Mit uns unterwegs sind einige andere Europäer, viele asiatische Touristen und noch mehr Einheimische, die uns beim Überholen beäugen, uns zulächeln oder zunicken.



    Am Abend sind wir müde, aber glücklich, weil voller intensiver erster Eindrücke. Zufällig finden wir in Yen Minh den Bong Bang Homestay, wo zwar immer was los ist (auf jeden Fall Ohrstöpsel mitnehmen!), der aber sehr schön gestaltet ist.


    Tag 2/4: Yen Minh - Dong Van

    Was uns gestern schon begeisterte, ist heute noch intensiver. Die Berge sind höher, die Täler tiefer, die Abhänge steiler.




    Die Hänge sind grün bewachsen - mit wild wachsenden Pflanzen oder mit den Feldpflanzen der hier lebenden ethnischen Minderheiten. Ihre Felder legen sie oft zwischen den vielen spitz aufragenden Felsen an, indem sie die Zwischenräume erst mit anderen Steinen begradigen und dann mit Erde auffüllen. Den Menschen mit ihren wettergegerbten Gesichtern kann man ansehen, dass dies harte körperliche Arbeit ist.


    Der gesamte Tag ist geprägt von Eindrücken der hier lebenden ethnischen Minderheiten. An jedem einsam am Berghang klebenden Haus stehen Kinder, die ihr Spiel unterbrechen, um uns zuzuwinken und ein "Heeelloo!" entgegenzuschreien. Im Vorbeifahren können wir in ihre Wohnzimmer schauen, auf ihre Höfe, in ihre Viehställe, sehen Frauen, die ihre Babys stillen, alte Menschen, die trotz ihres Alters noch arbeiten und kleine Kinder, die im Dreck spielen. Die Kleidung der Frauen und Mädchen ist bunt und aus verschiedenen Stoffen genäht, während die Männer und Jungen schwarz tragen.



    Uns beeindrucken auch die riesigen Körbe voller Blumen, die Kinder und Erwachsene auf ihren Rücken tragen. Wir erfahren im Nachhinein, dass die Blumen früher als Viehfutter dienten, heute jedoch ausschließlich als Fotomotiv für Touristen herhalten, die sich gerne mit Kind und Blumenkorb ablichten lassen. Selbst in dieser entlegenen Region, in der es ansonsten nicht viel Infrastruktur gibt, ist der Tourismus also angekommen.


    Wir machen von der Hauptstraße einen Abstecher an den nördlichsten Punkt Vietnams, der von einem Turm mit vietnamesischer Flagge markiert wird und von wo aus wir nach China schauen können. Dieser Abstecher lohnt sich übrigens nicht wirklich, da die Gegend rund um den Flagpole eine einzige Baustelle ist. Fahrt einfach nur den ersten Teil der Strecke, bis zur Abzweigung, die zurück in Richtung Dong Van führt - dann seht ihr die tollen Landschaften, die den kleinen Umweg lohnenswert machen. Wir übernachten am Abend in Dong Van, weil wir es nach Meo Vac vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr schaffen.


    Eindrücke vom zweiten Tag


    Day 3/4 Dong Van - Du Gia

    Dies ist ein Tag der Superlative. Wo wir gestern dachten, dass es nicht höher, tiefer oder steiler geht, werden wir heute eines Besseren belehrt - dazu noch diese Farben, die uns intensiv aus allen Richtungen entgegenstrahlen. Die Landschaften sind unglaublich weit, die Bergspitzen in unzähligen Farbschattierungen reichen bis an den Horizont. Tief unten im Tal liegt ein blau-glänzender Fluss, der sich durch ein enges Tal windet.




    Stellenweise ist die Straße jetzt schlechter, wird unterbrochen von einigen nicht asphaltierten Abschnitten, an manchen Stellen ist der Rand der Straße abgebrochen, aber es gibt keine Stelle, die mit einem (guten) Moped nicht machbar ist. Das Unterwegssein macht Spaß und weil die Umgebung so unglaublich ist, fühlen wir uns wie im Film, als Teil eines Road Movies, der ganze 4 Tage dauert. Mittlerweile kennen wir auch einige der Touristen, die den Loop ungefähr zur gleichen Zeit wie wir machen, die wir oder die uns immer wieder überholen. Die asiatischen Motorradfahrer erkennen wir - das müssen wir zugeben - leider nicht wieder (besonders mit Helm und Mundschutz sehen sie alle irgendwie so ähnlich aus...). Ob es ihnen mit uns genauso geht?


    Als wir durch Meo Vac fahren besuchen wir den Markt, auf dem die Bauern der umliegenden Dörfer ihr Gemüse und ihre Tiere verkaufen, darunter Kaninchen, Hühner, Schweine und Kühe. Auch eine riesige Kantine gibt es, in der verschiedene Garküchen Pho (traditionelle Gemüsesuppe) und andere Suppen anbieten.


    Der Spaziergang auf dem Markt ist auch anstrengend: Das schrille Quieken der Schweine, die verladen werden, schmerzt in den Ohren, gelegentlicher Gestank beißt in der Nase, das geräuschvolle Hochziehen der Nase und anschließendes Ausspucken auf die Straße ist nicht schön anzusehen. Trotz allem ist es hier faszinierend, denn es sind hier und auch an anderen Orten in Vietnam die Extreme, die die Atmosphäre besonders machen.


    Aufgrund unseres vorsichtigen Tempos und der langen Tagesstrecke schaffen wir es nicht, die vielversprechende Bootsfahrt oder Wanderung zu machen. Egal, die Landschaft entschädigt für alles! Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kommen wir noch rechtzeitig in unserem nächsten Homestay in Du Gia an.


    Eindrücke vom dritten Tag


    Tag 4/4 Du Gia - Ha Giang

    Ausgeschlafen und mit neuer Energie können wir die unglaublich tolle Landschaft rund um Du Gia (gesprochen: Su Sa) genießen, die wir am Abend zuvor wegen dem nahenden Einbruch der Dunkelheit unter Zeitdruck durchfuhren. Wir sehen auch hier Täler, kleine Dörfer weit unten, einzelne Einheimische, die am Straßenrand stehen oder auf den Feldern arbeiten, grün bewachsene Bergspitzen so weit das Auge reicht. Trotz dieser sich wiederholenden Elemente ist auch heute die Landschaft besonders und einzigartig - wie bisher an jedem einzelnen der vergangenen Tage. Es beginnt, leicht zu tröpfeln, über den Tälern hängen dicke Nebelschwaden, wir fahren teilweise durch Wolken hindurch. Die Atmosphäre ist fast mystisch.


    Der Zeitpunkt, an dem wir auf die Hauptstraße in Richtung Ha Giang treffen, die wir bereits zu Beginn der vier Tage befahren haben, rückt näher. Wir versuchen, jeden einzelnen tollen Ausblick hinter jeder Kurve in uns aufzusaugen, bevor diese Reise zu Ende ist. Obwohl uns der letzte Abschnitt dann bekannt ist, sehen wir ihn jetzt doch mit anderen Augen, denn uns wird bewusst, was hinter uns liegt: Vier Tage voller intensiver Eindrücke, wunderbarster Natur, tollen Begegnungen, Abenteuergeist. Definitiv eine empfehlenswerte Reise!


    Im ländlichen Norden sind die Straßen häufig der Mittelpunkt des Dorflebens.


    Unterwegs kann an improvisierten Tankstellen getankt werden.

    Praktische Tipps

    • Anreise: Mit dem Sleeper (Nachtbus) oder einer Limousine (größerer Kleinbus) kommt ihr von Hanoi in 6-7 Stunden nach Ha Giang. Dort organisiert euer Hotel, Homestay oder Hostel dann alles Weitere.

    • Übernachtung in Ha Giang: Wer Parties mag und andere Backpacker treffen möchte, übernachtet im Jasmine Hostel. Eine ruhigere Alternative mit netter und kompetenter Unterstützung bei der Planung des Loops ist Be's Home.

    • Dauer des Ha Giang Loops: Die Strecke des Loops ist bei 3, 4 oder 5 Tagen die gleiche. Die Runde in drei Tagen zu befahren kommt mir jedoch zu stressig - um nicht zu sagen, unmöglich vor - besonders, wenn ihr auf dem Motorrad unerfahren seid und es langsam angehen lassen wollt.

    • Zustand der Straßen: Nur auf wenigen kürzeren Abschnitten ist die Straße nicht asphaltiert, ansonsten generell gut zum Fahren, auch mit einem einfachen, automatik-betriebenen Moped. Lasst euch in jedem Fall im Hostel die Straßen markieren, die ihr nicht befahren solltet.

    • Unterwegs: Mit Landkarte und MapsMe ist die Strecke grundsätzlich auch ohne Guide sehr gut zu finden. Achtung allerdings in Meo Vac, hier haben wir uns - trotz Warnung anderer - verfahren. Fahrt hier nicht weiter auf der Nationalstraße in den Süden in Richtung Ha Giang, sondern biegt hinter dem Dorf nach rechts ab.

    • Gepäck: Die Hostels bewahren euer Gepäck für euch auf, während ihr unterwegs seid. Nehmt einen kleinen Rucksack (oder 2) mit, den ihr dann für die 4 Tage packen könnt: 1 Set Wechselklamotten, falls es nass wird. Eine dickere Jacke und/oder Regenjacke solltet ihr auch dabei haben, da es unterwegs kühl werden kann (wir waren im Oktober unterwegs).

    Ist der Ha Giang Loop gefährlich?

    Zunächst einmal ist Vietnam ein relativ sicheres Reiseland mit einer niedrigen Kriminalitätsrate und wenig Gewaltkriminalität gegenüber Ausländern.


    Eine Reise mit dem Motorrad ist bekanntermaßen gefährlicher als eine Autofahrt - in Vietnam genauso wie in Deutschland. Auch wir haben einen Unfall gesehen und Backpacker getroffen, die Schürfwunden von einem Sturz hatten. Warum ihr trotzdem keine Angst haben solltet, erzähle ich euch im Folgenden.

    Bedenken solltet ihr zunächst, dass in Vietnam die Straßenverhältnisse nicht immer perfekt sind, d.h. es gibt Abschnitte, auf denen unerwartet Schlaglöcher oder Schotter kommen können. Natürlich kann erschwerend hinzukommen, dass die Fahrer das Terrain nicht kennen und von unerwarteten Kurven überrascht werden. Immer wieder wird man auch in steilen Kurven von anderen Mopeds, Autos und Lastern überholt - allerdings weitaus weniger, als ich mir das vorher ausgemalt hatte. Bei entsprechender Vorsicht stellte für uns aber keine Stelle ein Problem dar. Selbst als völlig unerfahrene Fahrer hatten wir keine Probleme und haben alle Abschnitte mit Spaß gemeistert.


    Die meisten der bereits beschriebenen Gefahren sind Situationen, die man mit gesundem Menschenverstand vorhersagen und vermeiden kann - alles also kein Problem, wenn ihr vorsichtig und in der Geschwindigkeit fahrt, die für euch und euer Können richtig ist. Ein Problem entsteht erst dann, wenn unerfahrene Fahrer in einer größeren Gruppe unterwegs sind, die ein gemeinsames Tempo anschlägt, das häufig über dem eines vorsichtigen Anfängers liegt.


    Wir haben übrigens - wie viele andere Fahrer auch - Knie- und Schienbeinschoner unseres Hostels getragen. Wer nicht selbst fahren möchte, kann sich professionelle Fahrer mieten, sogenannte Easy Riders.


    Fazit: Ich würde es jederzeit wieder machen! Mein wichtigster Tipp ist: Nehmt euch so viel Zeit für die Strecke, wie ihr braucht (keinesfalls weniger als 4 Tage) und fahrt entsprechend eures Könnens.

    Noch mehr Vietnam gibt's hier:

    Weiter Infos online:


    zum Ha Giang Loop:

    Orth, Stephan (2019): Wer aus dem Reisebus schaut, kann nie auf Augenhöhe sein. - https://www.spiegel.de/reise/aktuell/motorrad-tour-in-vietnam-der-kluegere-gibt-gas-a-1277713.html (7.12.2019)


    zu Vietnam allgemein:

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