• Hanna

    San Francisco - In Zelten lebt es sich nicht leicht


    Quelle: Coalition on Homelessness


    San Francisco ist wunderbar, das muss vorab gesagt werden und wird an anderer Stelle erklärt. Weil mein erster Tag dort jedoch eine ganz unerwartete Wendung erfahren hat und ich in Berührung mit einem wichtigen Thema gekommen bin, möchte ich erklären, was passiert ist.


    Alles begann damit, dass meine Kreditkarte nicht für die Abholung eines Mietwagens geeignet war, da sie lediglich eine Debitkarte ist. Allen Bittens und Bettelns zum Trotz - ich habe den Mietwagen schließlich bereits bezahlt - bleibt die Mietwagen-Dame knallhart: "Entweder Sie haben eine richtige Kreditkarte oder können ein Flugticket für die genauen Daten der Anmietung vorlegen". Habe ich beides nicht, also bekomme ich kein Auto.


    Ich muss schlucken, denn seit Tagen freue ich mich auf diesen Trip, recherchiere Sehenswürdigkeiten entlang des Pacific Coast Highway 1, mache sogar die Adresse meines Lieblingsschriftstellers T.C. Boyle in Santa Barbara ausfindig (Um dann was zu tun? Okay, das weiß ich selber nicht...). Ich versuche es an den Schaltern anderer Mietwagenfirmen, aber ohne Erfolg.


    Ich muss also meine Pläne ändern... Und da beginnt das Abenteuer. Erstens nehme ich den öffentlichen Bus vom Flughafen Sacramento in die Innenstadt, denn das ist die Strecke, die Google Maps mir anzeigt. Im Bus bekomme ich eine Ahnung davon, dass dieses das Verkehrsmittel der Armen und Marginalisierten ist. Neben mir sitzt ein nach Alkohol stinkender, etwas verwirrter Mann, ganz hinten ein echter Punk der alten Sorte, dessen lilafarbene Haare sich in Stachelform gute 30cm hoch auftürmen. Dazwischen zwei alte Männer. Ich muss daran denken, dass Autos in den USA viel billiger sind als in Deutschland. Jeder, der über ein geregeltes Einkommen verfügt, besitzt deshalb eines und ist nicht mehr auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.


    In Sacramento nehme ich den Zug nach Richmond, einer Kleinstadt vor den Toren San Franciscos, von dort dann die Metro in die Innenstadt. Beide Züge sind alt und dreckig. Der Zug fährt entlang der Bucht von San Pablo, dessen Ufer mit dampfenden, verdreckten Industrieanlagen zugebaut ist. Zwischendrin stehen kleinere Siedlungen, direkt am Wasser und an den Schienen immer wieder auch Zelte, in denen Obdachlose leben. Es ist Winter, also ist alles grau und kalt.


    So hatte ich mir Kalifornien wirklich nicht vorgestellt. Ganz besonders nach dem Besuch der berühmten Hollywood Hills und nach einigen Tagen in der prosperierenden Kleinstadt Placerville, wo vor mehr als hundert Jahren der berühmte Gold Rush begann, erscheint mir dieses Bild absolut gegensätzlich.


    Nach mehr als 4 Stunden (für die ich mit dem Auto nur etwa 1,5 Stunden gebraucht hätte!) komme ich endlich in San Francisco an. Vom Civic Center aus laufe ich zu Fuß zu meinem Hostel, das nur 10 Minuten entfernt ist. Es sind bedenkenswerte 10 Minuten, denn was ich dort sehe, habe ich noch niemals in dieser Härte gesehen: Auf den Bürgersteigen stehen ganze Zeltstädte, in denen Obdachlose tagein tagaus leben. Auf meinem Weg komme ich an Menschen vorbei, die ihren Frust laut herausschreien. Darunter sind auch Behinderte in Rollstühlen oder mit Rollatoren, die sich in gebückter Haltung langsam über den Gehweg vortasten. Ohne Ausnahme sind es Menschen, die Hilfe brauchen und für die meisten wäre es mit einem Dach über dem Kopf längst nicht getan. Ich komme an einem Mann vorbei, der in Unterhose eine Predigt hält - obwohl es nur etwa 5 Grad warm ist. An der nächsten Ecke läuft jemand flötespielend an mir vorbei und wieder eine Ecke weiter holt ein junger Mann auf Socken Erde aus den Pflanzkästen am Bürgersteigrand. Auf dem Gehweg liegt menschlicher Kot, den ganzen Weg lang stinkt es nach Urin.


    Im Hostel angekommen händigt mir der Rezeptionist einen Stadtplan aus und zeigt mit einem Kreuzchen, wo die nächsten Restaurants sind. Ach ja, nach Tenderloin solle ich auf keinen Fall gehen, sagt er und nimmt den Kuli, streicht mit energischen Strichen das gesamte Viertel weg, das ich von der Metrostation bis hierhin durchlaufen habe. Danke für diesen super Tipp, denke ich, aber dieses Viertel kenne ich bereits!


    Der kurze Spaziergang hat mich so nachhaltig beeinflusst, dass ich später anfange, zu recherchieren. Ich finde einige aktuelle Artikel, in denen die Situation treffend beschrieben wird, ganz genau so wie ich sie mit eigenen Augen gesehen habe. Ich lese, dass es in San Francisco 8011 Obdachlose gibt! Immer wieder ist auch die Rede davon, dass es mittlerweile sogar eine Dreiklassengesellschaft unter den Obdachlosen gibt: Jene, die auf dem harten, kalten Beton liegen und sich nur in eine Decke hüllen, gehören zur untersten Schicht, während die Besitzer eines Zeltes oder sogar Fahrzeuges immerhin den Reißverschluss oder die Tür hinter sich schließen können. Allen gemeinsam ist, dass sie zu den Verdrängten gehören, die nicht teilnehmen können an der Gesellschaft und ihren Privilegien, hier an diesem weltberühmten Ort namens San Francisco.


    Das Problem scheint seit einiger Zeit bekannt zu sein, denn es gibt sowohl privat finanzierte, gemeinnützige Organisationen, die sich um die Situation der Obdachlosen kümmern, als auch staatliche Hilfsangebote für die Obdachlosen. Ich finde nicht heraus, warum diese Hilfe ganz offensichtlich nicht greift oder ausreicht. Einig ist man sich nur über die Gründe, wie es so weit kommen konnte: Vor allem durch den Boom des nahe gelegenen Silicon Valley gibt es in San Francisco und Umgebung immer mehr Reiche. Die Folge: Stark ansteigende Mieten und Menschen, die sich diese Mieten nicht mehr leisten können. Paradox ist, dass 11% der Obdachlosen einer geregelten Arbeit nachgeht - und sich trotzdem keine eigene Wohnung mehr leisten kann. Gleichzeitig nimmt der soziale Wohnungsbau immer mehr ab, da er nicht rentabel ist. Berichtet wird auch von der Schließung psychiatrischer Anstalten und von schlechten Krankenversicherungen, die die Behandlung von psychischen Erkrankungen nicht erstatten.


    Bei der Durchsicht aktueller Zahlen kann einem tatsächlich schwindelig werden: San Francisco ist die Stadt mit der höchsten Milliardärsdichte! Für ein Einfamilienhaus muss man hier mit durchschnittlich 1,3 Millionen Dollar rechnen. Ein Einzimmer-Appartment in San José, der Großstadt nahe des Silicon Valley südlich von San Francisco, kostet im Schnitt 2400€ im Monat, in San Francisco ist Wohnen noch teurer.


    Die Folge all dessen ist eine extrem ansteigende Obdachlosenrate. Alle 2 Jahre werden sie offiziell gezählt, zuletzt am 24.1.2019. Die wichtigsten Zahlen des daraus entstandenen Berichtes fasse ich für euch zusammen:

    • Insgesamt leben in San Francisco 8011 Obdachlose - das sind 17% mehr als 2017. 5180 von ihnen leben tatsächlich auf der Straße, der Rest in Notunterkünften oder bei Verwandten.

    • 8% von ihnen haben Kinder bei sich.

    • Insgesamt sind 5% der Obdachlosen Kinder. 14% sind 18-24 Jahre alt.

    • 27% sind LGBTQ+ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer). Von diesen wiederum haben 48% häusliche Gewalt erfahren und 14% haben AIDS. Beide Zahlen sind höher als in der Nicht-LGBTQ+-Gruppe.

    • 70% stammen aus San Francisco, 22% aus anderen Orten in Kalifornien, 8% aus anderen Staaten der USA.

    • 7% leben in einem Fahrzeug.

    • 65% leben seit über einem Jahr auf der Straße, der Rest weniger als 1 Jahr

    • Als Hauptgrund für ihre Obdachlosigkeit geben 26% die Arbeitslosigkeit, 18% Drogenmissbrauch, 13% eine Verurteilung durch ein Gericht, 12% einen Rausschmiss von zu Hause, 8% eine psychische Erkrankung und 5% die Trennung vom Partner an.

    • 73% erhält Hilfe durch den Staat, zum Beispiel durch Lebensmittelmarken (43%).

    • Die Gründe, warum der Rest keine staatliche Hilfe annimmt, sind unterschiedlich: Sie wurden abgelehnt (6%), schätzen sich selbst als nicht geeignet an, sind gerade dabei, sich zu bewerben oder wollen keine Hilfe annehmen.

    • 11% der Obdachlosen gehen einer Arbeit nach.

    • 74% sind krank, d.h. sie sind drogenabhängig (42%), psychisch krank (39%), chronisch krank (31%), haben eine posttraumatische Belastungsstörung (37%), sind körperlich behindert (27%), haben ein Schädel-Hirntrauma (15%) oder HIV (7%).

    Diese und weitere Zahlen könnt ihr in folgendem Bericht nachlesen: San Francisco Homeless Count and Survey: Comprehensive Report 2019.



    Weitere Informationen zur Obdachlosigkeit in Kalifornien

    Zwei gemeinnützige, private Organisationen, die sich um die Obdachlosen in San Francisco kümmern:


    Mehr zu den USA:

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